Da sitzen wir nun… das Icecamp in magischen Nebelfeldern, die Sonne drückt durch. Grönland ist wahr geworden!
Wie bereitet man sich auf sowas vor? Was packt man ein? Der Gepäckberg wächst, die Sorge um Übergepäck gleichermassen.
Sollen Handwärmer mit? Schlafsack? Wir orientieren uns an der Packliste des Veranstalters, es ist ja unsere erste Reise dieser Art. Wobei Reise es nicht ganz trifft, Expedition käme dem schon näher.
Aber nun mal der Reihe nach.
Nachdem wir wie immer unsere Herzstücke Rufus und Birdy der lieben Cécile anvertraut haben, geht’s am nächsten Morgen, 7. August 24, an den Flughafen Zürich.
Erstes Mal Business, wir freuen uns über den vermeintlichen Service am Gepäckschalter… Wohin geht’s? Nach Grönland! Ah, wo liegt das? Drei von vier Gepäckstücken sind weg. Eher bestätigend als fragend erwähnen wir noch, dass doch das Gepäck, da ja beide Flüge mit Iceland Air sind, doch sicher direkt durchgecheckt werden? Wie? Also nein! Aber das eine das noch da sei, ja, da könne man was machen. Wegen den anderen müssten wir dann in Reikjavick auschecken und wieder einchecken… in knapp anderhalb Stunden??? Dank einer kleinen Schmitzi-Kurzintervention wird das grosse Schmitzi nicht vom Sicherheitspersonal ins Visier genommen. Schlussendlich klappt es dann doch noch, das Gepäck geht wie wir nach Kulusuk in Grönland.
Einsteigen, juhuuu! Bloss, abfliegen: Pustekuchen! Wir starten mit anderthalb Stunden Verspätung. Ade Grönland!
Die Flight Attentat nimmts locker: Ankunft 16.50 Uhr Ortszeit, Abflug 17.30 Uhr: Null Problem: Okay, am Schluss sinds dann schlappe 15min, die übrig bleiben, aber wir stehen vor der Propellermaschine zum Einsteigen. Und die Jungs schaffen es sogar, unser Gepäck noch an Bord zu kriegen!
Eine Stunde und 45min Flug nach Kulusuk, dem Flughafen von Grönland. Eine Hütte mit zwei Schaltern aber kein wirkliches Personal. Gepäck? Ach, das kommt bald draussen an. Tatsächlich, ein Traktor mit Anhänger fährt vor, unsere Sachen im Schlepptau.
Vom Flughafen zehn Minuten runter zum Boot. Fünf von uns an Bord, nun 3 Stunden bis zum Camp. Die seeeehr eisige Fahrt lässt uns erahnen, was uns die nächsten Tage erwartet… kleine, grosse und massive Eisblöcke schwimmen um uns rum, die beiden vom Boot checken die Satellitenbilder, wo ein Durchkommen zum Camp ist. Zum ersten mal wird man sich der Gefahren bewusst, was wäre, wenn wir eingeschlossen würden… Auch ein Sturz ins kalte Wasser wäre hier tödlich! Aber wir schaffen es ins Camp, so durchgefroren, dass die steile Treppe zum Camp hoch an eine Besteigung der Rigi erinnert…
Aber: oben wartet Kaffee und was zu essen! Schliesslich ist es, Schweizer Zeit, schon Mitternacht. Es ist immer noch hell, die Sonne scheint aktuell nur 2-3h im Tag nicht.
5 Gästehäuser, eine Gemeinschaftshütte und ein «Bad» bilden das Camp. Die Hütten sind einfachst eingerichtet: zwei Betten, im Nebenräumchen ein Plumpsklo.
Strom für die Mini-Heizung gibt’s nur ein paar Stunden im Tag.
Eine Daunendecke auf dem Bett, that’ s it!
Die ersten 48 Stunden im Camp sind die kältesten meines Lebens. Bis ins Knochenmark durchgefroren, keine Chance, warm zu werden, trotz Zwiebelschichtprinzip. Da hilft der heisse Tee gerade so lange, bis er getrunken ist. Eine Thermoskanne haben wir vorsorglich auch nicht mitgenommen… blöd!
Heute ist der 8. August 24, unser erster Tauchtag in Grönland und sogleich unser zehnter Hochzeitstag!
Unser Checkdive findet am Beach vom Icecamp statt. Das Runtertragen der Ausrüstung und zehn bis 14kg Blei sind super, kuschelig warm ists nun im Anzug. Mit sehr grossem Respekt geht’s ins Wasser… Uhhhhh, kalt, seeeehr kalt! Aber nach ein bis zwei Minuten im Wasser hat sich das Gesicht an die Kälte adaptiert. Alles passt, wir sehen Kelb, Quallen. Da ich als einzige keine beheizbaren Handschuhe mitgenommen habe, passe ich nach 23 Minuten Tauchzeit. Zu gross noch die Angst, dass die Finger nicht mehr auftauen. Und doch glücklich im Herzen, dass doch alles so gut geklappt hat!
Das Glück währt nicht lange, beim Ausziehen vom Trocki reisst meine Halsmanschette und somit war mein erster Tauchgang in Grönland sogleich mein letzter!!! Doch kein Eisberg getaucht, wohl nie. Aber es ist wie es ist, wir sind hier nicht in der Rufnähe von Franz, ergo kein Ersatzmaterial da. Da hilft alles zaudern nichts.
Der Nachmittag entschädigt dann wieder alles: Wale-watching! Wir sehen mehrere Buckelwale nur zwanzig, dreissig Meter weg vom Zodiac. Es ist ein unvergesslicher Moment, man hört nur den Blas der Wale, das Eintauchen der Finne. Für eine kleine Ewigkeit steht die Welt still! So ein intimer Moment, so ein Privileg!
Warm duschen geht nur, wenn niemand sonst noch Strom braucht, sonst kommt aus dem Durchlauferhitzer nur Gletscherwasser. Was bei uns so selbstverständlich ist, ist hier schon Luxus. Es erdet, auch, dass zumindest mein Handy null Empfang hat. Keine Nachrichten, keine sms, keine Emails. Nur die Natur, Deine Buddies und Du.
Wir sind eine gute Truppe: Mathilde, Laura und Dominik aus der Schweiz, Mats aus UK, Chris und Mike aus den USA. Sven und Kim versorgen und betreuen uns.
Carsten und die anderen schmeissen sich wagemutig zweimal im Tag ins eiskalte Wasser, bestaunen und umrunden Eisberge, die näher und weiter weg sind, innerhalb und ausserhalb der Bucht liegen.
Nicht alle sind ideal zum Tauchen: manche wippen schon weil kurz vorm Drehen, während andere vor sich hin knacken. Überhänge sind auch nicht ideal. Aber es findet sich immer was. Beschwerlich ist das rein- und rauskommen ins Wasser. Alles Tauchgerödel angezogen und oft schon mit klammen Fingern. Aber erst danach! Gefühlslos und eiskalt, da ist jede Schnalle eine Herausforderung. Und elegant ins Zodiac hüpfen? Passt etwa so gut wie Katz und Maus.
Ich heuere als Bootsjunge an, richte Masken, reiche Kameras an und beflosse meine Gschpänli. Pragmatismus hilft halt schon! Aber neidisch bin ich trotzdem schon sehr!
Abends besucht uns ein etwas ramponiertes Polarfüchschen in der Hoffnung, die Reste vom Abendessen einsammeln zu können, die wir bereit gelegt haben. Ein süsses Kerlchen, auch wenn das Helferherz schon wieder am liebsten das lahme Beinchen retten möchte… aber wir sind in der Natur, hier heissts fressen und gefressen werden!
Apropos gefressen: bis am Sonntag ist das Wetter wider Erwarten gut, so dass wir unsere Spazierkreise (Wandern wäre echt der falsche Ausdruck) etwas erweitern. Die doch eher bescheidenen kleine Kreise liegen, wer hätte es gedacht, an Frau Schmitz!
Während unserem Aufenthalt wurde in circa zehn Kilometer Entfernung ein Polarbär gesichtet und gefilmt. So ein rassiges Kerlchen, und sicher auch so hungrig! Auch Sven und Kim warnen uns vor Begegnungen der eher unliebsamen Art. Also bloss nichts riskieren! Und gleichwohl hoffen, das stolze Tier doch noch zu sehen (in gutem Abstand wohlgemerkt…)
Es ist Montag, der 12. August 2024. Ein weiterer erfolgreicher Tag im Nirgendwo liegt hinter uns. Wir wärmen uns in der Küche, als uns die Nachricht von Bruno, unserem Nachbarn erreicht: Wasser im Keller, schweres Unwetter in Brienz. Der Empfang ist wirklich schlecht, zudem sind wir drei Stunden hinter unserer Zeit mit der Zeitverschiebung. Tröpfchenweise gelingt es uns, Bilder herunterzuladen, zu realisieren, was passiert ist. Daheim sind, wie spätere Messungen ergeben, 60 000 Kubik Schutt und Geröll den Milibach heruntergekommen, haben unser Haus um ca 100m verfehlt… Knapp liegen wir nicht mehr in der Sperrzone. Wir denken an diejenigen, die nicht soviel Glück hatten, deren Häuser betroffen sind. Zum Glück sind nur 2 Personen verletzt, niemand ist ums Leben gekommen, sicher auch, weil das Unwetter um 18.30 Uhr passierte.
Hilflosigkeit erfasst uns, soweit weg von Daheim. Die nächsten Stunden und Tage sind wir hin und hergerissen, ob wir früher heim sollen oder nicht. Schlussendlich wären es gut 24h, die wir früher da sein könnten. Wir entscheiden uns dagegen, auch, weil daheim alles von Bruno organisiert ist und die Sperrzone gesperrt ist und bleibt. Unsere beiden Herzallerliebsten sicher bei Cécile sind.
Am Mittwoch in der Nacht erreichen wir Reikjavik, nach einer Bootsfahrt übers Meer. Fast haben wir geglaubt, nicht nach Hause zu kommen, als das Eis uns einzuschliessen schien. Aber der Boostführer fand doch eine Lücke, uff…
Die Wärme vom Hotelzimmer, das warme fliessende Wasser, einfach alles erscheint uns schon fast etwas dekadent, und doch geniessen wir es!
Obwohl es spät ist, heisst es packen für Morgen, die Silvra ruft ja ncoh.
Bei strömendem Regen stehen wir um 08.30 Uhr am Treffpunkt, aber niemand kommt. Wir rufen an. 8.30 Uhr? 8.00 Uhr! Wir sind zu spät, ein Missverständnis, was für ein Ärger. Ein Taxi dahin? Also wir könnten schon, kostet aber 400Sfr… Ok, nein, das geht auch uns dann zu weit.
Wir entscheiden uns für Kaffee und Kuchen, Shopping im Städtchen, bevor wir am nächsten Morgen in aller herrgottsfrühe an den Flughafen fahren.
Was für unglaubliche Eindrücke ruhen in uns, begleiten uns über die nächsten Tage. So surreal erscheint die Welt da und hier bei uns.
Eins ist jedoch sicher: das sind die wirklich einzigartigsten Ferien, die wir je verbracht haben, gelebt haben, zusammen durchgestanden, die uns aber auch geprägt haben.
Kommen wir zurück? Wohl eher nicht, aber doch, in unseren Köpfen hat sich was verändert, Tauchen heisst nun nicht mehr nur 28C°, nein, Tauchen heisst erleben mit allen Sinnen. Und wir denken tatsächlich über Kanada nach…